Rad am Ring – Erlebnisbericht vom 24h Radrennen am Nürburgring
Wie eine Perlenschnur ziehen sich die roten Rückleuchten auf einem schwarzen Band aus Asphalt entlang. Licht spenden in diesem Moment nur der Mond und die unzähligen Fahrradlampen. Obwohl es brechend voll am Anstieg vom Caracciola-Karussel zur Hohen Acht ist, hört man fast nichts. Jeder Fahrer ist in sich gekehrt und versucht den Anstieg, der am steilsten Stück 17% Steigung zu bieten hat, in dieser Nacht zum dritten, vierten oder vielleicht auch schon zum fünften mal zu bezwingen.
Das Abenteuer 24h-Rad-am-Ring begann für unser Team bereits am Freitag. Um 19 Uhr sollten die Schleusen des Nürburgrings sich öffnen und die Teilnehmer des 24h-Rennens in ihre Parzellen lassen. Da tatsächlich erst um 20 Uhr geöffnet wurde, begann das Erlebnis mit einem circa 15 km langen Stau. Zum Glück standen wir „mittendrin“ und nicht ganz hinten, so dass wir doch noch zu denen gehörten, die recht schnell an ihrer Parzelle waren. Also hieß es schnell die Zelte und die Pavillons aufbauen, damit man dies noch halbwegs im Hellen erledigen konnte. Mit eben dieser Ausstattung gehörten wir aber eher zu den „Puristen“. Unglaublich welche Geschütze dort aufgefahren werden. Von normalen Wohnwagen und Wohnmobilen über riesige Festzelte bis zu komplett ausgestatteten Trucks war beinahe alles zu sehen. Und bei der sonstigen Ausstattung durfte der 2-Meter-Durchmesser-Schwenkgrill (Alternativ: 1000-Euro-Gasgrill) ebenso wenig fehlen wie das Fahrradergometer (+ feste Rolle (+ freie Rolle)). Andere Teilnehmer schienen das Rennen aus anderer Hinsicht sportlich zu sehen: Es wurde bis spät in die Nacht feucht-fröhlich gefeiert und garantiert nicht nur alkoholfreies Weißbier genossen. Das alles konnten wir natürlich nur leise durch die Ohropax hindurch hören!
Nach maximal 3,5 Stunden wenig erholsamen Schlaf (obwohl wir wirklich nicht zu den Feiernden gehört haben!) ging der sportliche Teil am Samstag los. Frühstück gegen 8 Uhr, um 10 Uhr dann Wettkampfbesprechung und um 12.45 Uhr ging es für Jonas dann in die Startaufstellung für den Start um Punkt 13.15 Uhr. Ich war als Zweites dran und da wir keine Ahnung hatten ob man für die 25km Runde mit 500 Höhenmetern eher 40 Minuten oder doch eine Stunde braucht, war ich zeitig um 14.00 Uhr an unserem vereinbarten Wechselplatz. Eine feste Wechselzone gibt es nämlich nicht, der Zeitmesschip kann an jedem Punkt der GP-Strecke und des Fahrerlagers übergeben werden. Ab der dritten Runde haben wir uns entschlossen den Messchip nicht am Fußgelenk des Fahrers zu befestigen sondern ihn an einer leeren Trinkflasche zu befestigen und damit zu übergeben.
Die Strecke
Von unserem Wechselplatz ging es erst einmal durch das Fahrerlager und die Boxengasse. Hier hieß es Fahrt aufnehmen, vielleicht in kleines Grüppchen erwischen und sich gedanklich auf das vorbereiten, was noch kommen sollte (und was wir vor dem Rennen glücklicherweise nicht kannten, sonst hätten wir uns wahrscheinlich nicht angemeldet). Man verlässt die GP-Strecke auf die Nordschleife über einen kleinen Anstieg – nicht mehr als eine „Teerblase“ – bevor es schon steil abwärts geht. Auf den wenigsten Abfahrten stoppt der Tacho unterhalb von 70km/h. Und so verfliegen die ersten Kilometer im wahrsten Sinne des Wortes. Nur kurze aber teilweise schweinische Gegenanstiege trüben das Vergnügen, was in der Fuchsröhre seinen Höhepunkt findet. Dort sind Geschwindigkeiten von 85-95 km/h Standard. Am Sonntag Morgen habe ich im Windschatten einer kleinen aber schweren Kampfsau mit beträchtlicher Hangabtriebskraft meine Maximalgeschwindigkeit auf 96,6 km/h gebracht (während er sich geärgert hat immer noch nicht die 100km/h geknackt zu haben)!
Nach der Fuchsröhre geht es kurz bergauf aber dann weiter bergab bis zum tiefsten Punkt der Strecke in Breitscheid. Und ab da: Bergauf – und das teilweise schmerzhaft. Schon in der ersten Runde, am ersten Teil des Anstieges sieht man Leute schieben. Wieso nur tut man sich so ein Rennen an, wenn man auf jeder Runde, die man vor hat zu „fahren“ mindestens 5km sein Rad bergauf schieben muss? Die Steigung an sich ist eigentlich nie unter 6% steil, normalerweise bei 8-10% und am letzten Stück zur Hohen Acht bei bis zu 17%. Spätestens ab der dritten Runde habe ich es bereut mit einer Minimalübersetzung von 39/25 gestartet zu sein. In der Nacht wünscht man sich hier einen Rettungsring damit man nicht zwangsweise hochdrücken muss, sondern auch mal locker kurbeln kann. Zum Glück hat man hier den höchsten Punkt der Strecke erreicht und es geht wellig zurück Richtung GP-Strecke. Wellig heißt aber auch hier Abfahrten, die sehr schnell sind und Anstiege, die mit längerer Dauer des Rennens immer schmerzhafter werden. Ein besonderes Erlebnis ist dann noch die Fahrt über die (fast vollständige) GP-Strecke. Breiter Asphalt, hohes Tempo und die komplette Strecke gesäumt von Zelten, Pavillons und Sportlern die auf ihren Teamkollegen warten, damit sie loslegen dürfen.
Die Nacht
Wir hatten geplant, dass jeder von uns tagsüber nur eine Runde fährt und wir Nachts dann auf zwei Runden umsteigen, damit die Nachtruhe für jeden Einzelnen etwas länger wird. Von den Rundenzeiten waren wir allerdings (zu Beginn) deutlich schneller als ursprünglich erwartet. Mit einem 30er-33er Schnitt konnten wir die ersten Runden angehen und haben uns gut dabei gefühlt. Zum Abend hin ändert sich das aber sehr schnell. Nach meiner dritten Runde ging mir dann komplett der Kreislauf weg! Es ging mir wirklich so richtig beschi****! Wahrscheinlich hatte ich doch zwischen den Runden etwas zu wenig gegessen. Kurzfristig habe ich deswegen mit Jonas die Reihenfolge getauscht, so dass ich nicht mit der Doppelrunde beginnen musste sondern diese erst zum Ende der Nacht hatte und mich vorher lange ausruhen konnte. Das hieß aber auch, dass ich relativ bald nach meiner „Kreislaufrunde“ noch eine weitere einzelne Runde anhängen musste – die erste komplett dunkle Runde für mich. Auch wenn ich nicht abergläubisch bin, war es ausgerechnet diese insgesamt 13. Runde, in der mir auf der ersten Abfahrt die Vorderlampe ausfiel. Was tun? Weiterfahren bei dieser Strecke unmöglich (und natürlich auch verboten)! Die steilen Abfahrten lagen ja alle noch vor mir. Zum Glück war es gerade am Anfang der Strecke, so dass ich einen ungeplanten Spaziergang zurück ins Fahrerlager auf mich nehmen musste. Mit dem vergeblichen Versuch die Lampe noch auf der Strecke wieder hinzubekommen und dem Spaziergang sind uns zwar etwa 15 Minuten Zeit verloren gegangen, aber zum Glück hatte Ralf das gleiche Lampenmodell, so dass es schnell wieder weitergehen konnte.
Für die Doppelrunden in der Nacht haben wir uns dann bewusst Zeit genommen. Waren wir die Runden tagsüber in durchschnittlich 49 Minuten gefahren, haben wir uns in der Nacht eine Stunde pro Runde Zeit gegeben. Und auch die Wechsel haben wir nicht auf der Strecke mit hektischer Übergabe der „Chipflasche“ sondern in aller Ruhe und einem kleinen Schwätzchen an unserer Parzelle gemacht.
Trotz aller Anstrengung waren die Runden in Dunkelheit für mich ein besonderes Erlebnis. Es ist alles noch leiser, man muss sich höllisch konzentrieren und neben Hasen, die über die Strecke flitzen, hatte ich einmal beinahe einen Unfall mit einer Fledermaus! Wir waren jedoch alle froh, als die Nacht vorüber war und es „nur noch“ 7 Stunden bis zum Ende des Rennens waren.
Die Verpflegung
Wir alle kamen schon zum Abend an den Punkt wo man das Gefühl hatte „ich will und kann nichts mehr Essen oder Trinken“. Man hat zwar Hunger und stopft neben den Energieriegeln, Gels und Isodrinks auch Unmengen Nudeln, Grillfleisch, Müsli, Brot, 5-Minuten-Terrinen, Cola, Apfelschorle, Erdinger Alkoholfrei und Wasser in sich hinein aber schon nach relativ kurzer Zeit ist man geschmacksmäßig vollkommen überreizt und mag eigentlich gar nichts mehr sehen! Wobei Nicht-Essen wohl die denkbar schlechteste Alternative ist. Und so hangelt man sich mit fortlaufender Dauer von Runde zu Runde und von Snack zu Snack so dass der Körper irgendwie nicht vollkommen rebelliert.
Das Ergebnis
Neben dem Lampenmalheur war wohl auch unsere „Nachtruhe“ der Grund, wieso wir von Platz 35 nach den ersten 6 Stunden auf Platz 77 nach der Nacht zurückgefallen sind. Wobei das Ergebnis für uns eigentlich nie im Vordergrund stand. Dennoch war’s toll, dass wir am Morgen noch mal richtig Fahrt aufnehmen konnten und uns am Ende auf Platz 61 von 661 Teams vorkämpfen konnten.
Bilanz
24 Stunden
4 Männer
675 km
13.500 Höhenmeter
96,6 km/h Höchstgeschwindigkeit
61. Platz
2 Beinahe-Unfälle mit einer Fledermaus und einem Hasen
1 verlorene Sonnenbrille
1 kaputte Lampe
… und im Moment
0 Lust so etwas noch einmal zu machen!
Bilder gibt es hier





Genial das Erlebnis in der “grünen Hölle” hört sich gut an!
Sehr schöner Bericht
Nach der anfänglichen Euphorie mir den Spaß auch mal zu gönnen, bin ich nach den 17% doch etwas skeptisch