Auch im hohen Alter eines Masters kann „Mann“ sich noch Träume erfüllen oder… Wie werde ich ein Barockman?

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Bericht von Torsten Jentsch

Im November 2009 habe ich meinen Entschluss gefasst: 2010 soll mein erstes Jahr für eine Langdistanz sein.

Doch schnell stellte ich fest, dass ja die Startplätze für mein eigentliches Ziel, einmal nach Roth zu kommen, schon längst vergriffen waren. Die traditionelle Vergabe von 200 Startplätzen am 06.12. schreckte mich aber dann aufgrund der hohen Startgebühr auch nur ab, so dass ich mich nicht einmal bemüht habe, einen dieser besonderen Startplätze zu ergattern und mit all den anderen aus meinem Verein dort starten zu können. Schade…

Doch was nun? Der Trainer wurde gefragt und die Empfehlung kam prompt: Moritzburg sei die einzige Langdistanz im Osten mit einer guten Erfahrung und Tradition und einem tollen Ambiente!

Und so stand das Ziel schnell fest: der 9. Schlosstriathlon in Moritzburg sollte es am 12.06.2010 sein. Es ist zwar verdammt früh in der Saison aber es wird schon klappen!

Na gut, so habe ich mir erst einmal einige Rahmentrainingsplanungen von unserem Langstreckentrainer eingeholt, denn schließlich bin ich auf dieser Distanz ein Rookie und muss ja auch noch arbeiten…

Da das Wetter nicht so richtig mitgespielt hat, musste ich erst einmal meine Vorbereitung auf das Lauftraining begrenzen und habe versucht, mich mit meinem ungeliebten Schwimmtraining anzufreunden.

Ab März ging es aber dann zur Sache…. Ich spulte Radkilometer über Radkilometer ab, trainierte um Bad Freienwalde in den Wriezener Höhen gute Anstiege und absolvierte so bis zum D-Day ca. 3500 km. Gekoppelt wurde teilweise bis auf 130 km ruhig im 32er Schnitt mit einem guten Tempolauf über 13 km im fünf Minuten Schnitt.
Ach so, da war ja noch etwas zwischendurch: unser alter Captain vom Team hatte mich ja angesprochen, ob wir vor Strausberg (unserem Teamtri) nochmals als Team zusammen „radeln“ wollten. Tja und so habe ich –verbunden mit ein paar Tempoeinheiten- nochmals eine Radeinheit über 170km hingelegt. Und da die Freiwassertemperaturen auch besser wurden, konnte ich auch noch einige km dort abspulen.

Pfingsten war dann Streckenbesichtigung angesagt. Macht ja eigentlich auch Sinn, denn ich konnte so die wahnsinnige Kulisse vom Schloss, das das Herz der Veranstaltung darstellt, und auch die Radstrecke in Ruhe mir anschauen. Ergebnis: scheint machbar zu sein.

Dann kam noch ein gründlicher Check beim Sportmediziner, der mir nicht nur grünes Licht gab, sondern auch Top Werte mitteilte und mit dem ich eine Rennstrategie besprach. Was sollte also schief gehen?

Am Freitag, dem 11.06. war die Anreise; Temperaturen an die 30 Grad, Wahnsinn!!! Aber Prognose passte: es soll sich auf 20 Grad abkühlen! OK, dann nach Ankunft zur Anmeldung…ich war gespannt, denn eigentlich war Meldeschluss und ich war auf einer Nachrückerliste. Doch es hat funktioniert, denn ein Sportler kam im gleichen Moment dort hin und musste aufgrund Erkrankung seine Startnummer zurückgeben. Ich hatte sie….die Startnummer 8.

Nun erst einmal ein lockeres Läufchen, wie vom Langstreckentrainer empfohlen und vorher das Rad eingecheckt. Und dann…ich habe tatsächlich in den Schlossteich gefasst und war erschrocken….Badewannentemperatur…auweia hoffentlich kein Neoverbot. Zur Einweisung sollte alles bekannt gegeben werden!

Abends die Pastaparty war sehr gut….es gab alles: Pasta, Obst, Kekse, Kuchen, Gemüse und Erdinger alkoholfrei. Was will ich mehr?
Die Einweisung war perfekt, kurz und knackig. Danach gleich zur Unterkunft (500m Fußweg) und ab ins Bett. Doch durch die verdammte Klimaanlage im Auto habe ich mir leichtes Halskratzen zugezogen…verdammt…nicht jetzt noch ein Ausfall!

Doch ich habe gut geschlafen und der Wecker hat mich um 04.45 Uhr aus dem Schlaf gerissen. Sofort hell wach, etwas Müsli gegessen, leicht frisch gemacht und die bereits zusammen gepackten Sachen gegriffen und zum Startbereich.
Dort noch alles vorbereitet, dann noch einmal dem nervösen Magen nachgegeben und erst einmal in einer Seitenstraße verschwunden, um in mich zu gehen.
Die Erleichterung kam schon beim Betreten der Wechselzone: offensichtlich wurde in unserem Interesse so lange die Wassertemperatur gemessen, bis diese unter 24 Grad war….also zum Glück mit Neo schwimmen.

06.45 Uhr war ich schließlich im Neo in der großen Badewanne vor dem Schloss von Aschenputtel und bin mich kurz eingeschwommen, bevor das Startsignal kam.
Und los ging es: eine gute Linie finden, möglichst keine Umwege schwimmen und die 3,8 km nicht unnötig verlängern. Doch ich musste schnell feststellen, dass offensichtlich nicht wenige Sportler ihre Augen nicht offen hatten, denn es wurde kreuz und quer geschwommen, so dass ich immer wieder einige Tritte abbekam und auch an den Füßen gestreichelt wurde…gut, dass kenne ich schon…aber dann ein Tritt gegen die Brille und…sie ist verrutscht! Verdammt, so ein…. Nach kurzem Schmerz, Brille wieder aufsetzen und weiter. Plötzlich meldet sich der Magen, ist wohl doch zu warm im Neo….also gilt: nur noch durchhalten…eine Runde noch….wird schon gehen…dann komme ich auf den Wasserausstieg zu und sehe, was vorher angesagt wurde: die letzten 100m können wir auch im flachen Wasser laufen…also aufstehen und wieder festen, wenn auch schlammigen Boden unter den Füßen haben. Ein Blick auf die Uhr…und ich bin erstaunt: 1:13 Stunden und ich wollte doch bei 1:30 Stunden auf dem Rad sitzen….war das Schwimmen für meine Verhältnisse doch so gut???
Weiter…Wasserausstieg…Treppe hoch…ups leicht ausgerutscht trotz Teppich und hingeschlagen…nichts passiert, bin wohl noch etwas wackelig auf den Beinen! Langsam nehme ich Lauftempo in die Wechselzone auf: schließlich sollen alle sehen, dass ich stolz auf meine Schwimmleistung bin und noch etwas drauf habe!!!
Also rein in die Wechselzone und in Ruhe wechseln. Ich nehme mein Kalibur und schiebe es aus der Wechselzone bis zum Aufstieg raus, raufsetzen und los geht´s.

1:18 Std … und ich sitze auf dem Rad….Wahnsinn!!! Die ersten 100m Kleinsteinpflaster und ich höre das Carbon, wie es über das Pflaster knallt. Ich fühle mich super und nehme sofort Fahrt auf! Das läuft ja gut an!!! 5,5 km raus fahren und dann auf die knapp 28km Runde, diese sechs mal und dann zurück. Die nächsten Stunden sind vorgegeben. Nach der Pflicht kommt jetzt endlich die Kür. Ich fühle mich super, etwas trinken und einen Riegel und dann erst einmal Tempo richtig aufnehmen. Ich komme auf die erste Runde, der erste Anstieg (insgesamt 1200 hm auf den 6 Runden) ist kein Problem. 2 Verpflegungsstellen sind vorhanden, Eigenverpflegung darf bis 50m dahinter gereicht werden. Alles läuft super!!! Geplant war 32er-33er Schnitt und nicht schneller, denn schließlich will ich ja noch einen Marathon laufen!

Die Runden vergehen, die Riegel hängen mir langsam aus dem Hals raus…dann greife ich halt zu Bananen, muss meinem Magen ja schließlich mal etwas Anderes anbieten. Plötzlich fängt das Rad an zu knallen…nein…bitte keinen Schaden…zum Glück…war wohl nur der Schnellspanner vom Hinterrad, der sich irgendwie gelockert hat. Und weiter…Tempo…doch langsam Bremse…ich komme schon auf einen 33,5er Schnitt … nicht überpacen, geht gar nicht!

Dann ein nächster Stopp, verliere meine Pumpe… und 30,-€ sind zu viel zum Liegen lassen, außerdem was ist, wenn ich plötzlich eine Panne habe, dann nutzt mir mein Ersatzschlauch auch nichts mehr und der Besenwagen mit dem Ersatzteillager ist ausgerechnet dann zu weit weg…also, kurz gedreht und Pumpe aufgehoben. Getränkeflaschen werden gut gereicht und als dann in den letzten 2 Runden die „Halbdistanzler“ dazu kommen, wird es voll. Plötzlich höre ich in der letzten Runde von einem von denen: „Hei Torsten, hast ein cooles Rad, das fährt aber auch ein bisschen schneller!“ …und ich denke in die Richtung des Kaliburfahrers: warte mal ab, du wirst auch noch ruhiger und schließlich habe ich schon 150km in den Beinen.

Alles läuft perfekt. Ich fliege förmlich mit einer Traumradzeit von 5:25 Std in die Wechselzone…Absteigen kein Problem…wieder festen Boden unter den Füßen…kurzer Wechsel….der Sprecher kommt auf mich zu und moniert, dass ich ja auf dem Rad nicht alles aufgegessen habe, doch meine letzten Gels wollte er dann doch nicht seiner Bratwurst vorziehen!!!
Rauf auf die Laufstrecke: 6:46 Std….Wahnsinn!!!! Ich habe viel Zeit gut gemacht…das sollte für unter 11 Stunden reichen…vielleicht sogar die Marke von 10:30 Stunden knacken??? Naja mal sehen, ein Marathon ist lang und kann immer noch gefühlt viel länger werden!!!

Ich laufe los….Ziel 6 Runden und jede in 37 – 38 Minuten. Sollte klappen! Die ersten beiden Runden funktionieren, doch dann stelle ich fest, dass ich doch nicht alles ausgeschwitzt habe, muss mir einen Baum suchen und denke, dass ich gerade alle Flüssigkeit, die mein Körper noch hat, verliere. Die Zeit vergeht einfach nicht. Doch dann geht es weiter. Dritte Runde schon mit Zeitverlust. Ich denke, dass irgendwann doch der Einbruch kommen muss, denn schließlich maltretiere ich meinen Körper schon seit über 8 Stunden!!!
Dann setzen plötzlich Magenprobleme ein…und ich denke, dass ich gleich aus allen Nähten platze….also schnell mal ins Gebüsch verschwunden…und die Magenprobleme werden besser….doch die Zeit nicht…sie läuft davon. Mental geht es mir gut…die drei Verpflegungsstellen auf der Laufstrecke werden angelaufen und immer wieder das Gleiche: Banane, Cola, Wasser und Schwamm… auweia und die Zeit rennt davon!!! Doch Gel geht gar nicht, könnte vielleicht Kraft geben, aber was sagt mein Magen dazu? Also lieber weg lassen!!! Zwischendurch gibt es durch einsetzenden kurzen Regen Erfrischung von oben…ist bei 20 Grad und der Anstrengung eine angenehme Abkühlung.

Bei jeder Rundenkontrolle ein Blick auf die Uhr….ach du Schande: 2 Runden noch und nur noch 1:30 Std Zeit, das wird knapp. Muskulär geht gefühlt gar nichts mehr. Auf einem Lehrgang habe ich mal gehört die Arme sind der Motor beim Laufen, doch wie soll dieser Motor funktionieren, wenn er nur schmerzt, schmerzt vom Liegen auf dem Rad…die Schultern wollen die Arme nicht mehr bewegen…mental geht es mir gut….aber….die Beine laufen nicht so, wie der Kopf will…also kämpfen, einfach nur alles geben, denn im Ziel kann ich ja umfallen!

45 Minuten für die letzte Runde und jetzt noch mal beißen…ich laufe das letzte Mal in den Schlossgarten, habe meine 3 weißen und 3 roten Harrgummis als Zeichen meines Sieges (für jede Runde eines)…laufe am Schloss vorbei…genau an der Treppe, wo Aschenputtel ihren Schuh verloren hat und bin schließlich auf der Zielgeraden…ich sehe das Ziel…höre nur noch im Hintergrund die frenetischen Anfeuerungsrufe der Zuschauer und den Sprecher sagen, dass das eine Zeit unter 11 Stunden wird….und ich laufe durchs Ziel: 10:59,35 Stunden

I am a Barockman!!!
Willkommen in einer anderen Triathlonszene!!!

Den Zieleinlauf habe ich das erste Mal nicht genießen können, ich habe nichts mehr gemerkt, mir nur ein Erdinger geben lassen, mich auf eine Bank gesetzt und konnte nicht mal den Becher zum Mund führen. Mein Nachbar sagte nur zu mir, dass es beruhigend für ihn ist, dass es offensichtlich auch noch anderen im Ziel ganz schön schlecht geht!!!
Aber denkste….ich habe mich über mich selbst gewundert, was dann passiert ist…ca. 15 Minuten später fühlte ich mich schon wieder besser…es wurde gegessen, getrunken und gequatscht….das gehört dazu…dann habe ich meine Sachen eingepackt und bin zu meiner Unterkunft…duschen und ins Bett fallen. Habe schlecht geschlafen.
Wache morgens auf und muss erst mal in Ruhe frühstücken…komisch…bin zwar etwas grobmotorisch unterwegs aber es geht erstaunlich gut!!!
Erst mal alles einpacken und dann runter zum Start…schließlich gehen die Wettkämpfe weiter….und was passiert???? Ich sehe die „Jedermänner“ und denke: Da möchtest du auch dabei sein!!!

Und die Moral von diesem traumhaften Erlebnis ist: Ich habe geschwitzt, gekämpft und mich gequält und geschunden, doch ich habe keine Blessuren, mir geht es gut und ich habe kaum Muskelkater …. und ….

Ich komme wieder und dann gewinne ich meine Altersklasse
Der vierte Platz reicht mir nicht
Das ist keine Drohung sondern ein Versprechen
Konkurrenten, zieht euch warm an und trainiert gut!!!

Und zum Abschluss noch ein riesen großes Dankeschön an unsere Trainer, die mir super wertvolle Tipps gegeben haben!

Sportliche Grüße und viele schöne Trainingsmomente und Wettkampferfolge wünscht euch TJ

P.S.: Wem dieses Erlebnis in der Darstellung zu lang sein sollte, der sollte erst einmal überlegen, was so einer kurzer Bericht im Vergleich zu 11 Stunden Qüalerei sind!!!
Und wer diesen Wahnsinnswettkampf mal sehen möchte, der sollte einfach mal unter www.pebe-sport.de reinschauen!

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Sebastian Kurt @ 12:41

3 Antworten to “Auch im hohen Alter eines Masters kann „Mann“ sich noch Träume erfüllen oder… Wie werde ich ein Barockman?”

  1. Marco sagt:

    Super Bericht!
    Und eine wirklich tolle Leistung!

  2. Dirk sagt:

    Sehr guter Bericht ! Da kriegt man glatt Lust nen Ironman zu machen….wenn nicht das lästige Training wäre.
    Glückwunsch nochmal.

  3. Max sagt:

    Geile Sache, Thorsten. Herzlichen Glückwunsch.
    Viel Erfolg für das nächste Jahr.

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